Bertram Likursis erstmals 1968 veröffentlichtes Werk Geschichte als Anhäufung von Gewesenem gilt als eine der großen revisionistischen Schriften im Bereich der modernen Geschichtsschreibung. Die bis dato gültigen Annahmen über das reflexive Beschreiben und Erfahren von Vergangenheit aus der Perspektive historischer Eindeutigkeit heraus werden von Likursi auf unterschiedlichen Ebenen einer komplexen aber zielgerichteten Korrektur unterzogen.

Im Zentrum der Kritik des ungarisch-jüdischen Wissenschaftlers Likursi befinden sich insbesondere die geschichtsphilosophischen Ausführungen Walter Benjamins. Likursi entlarvt in den Kapiteln 3 (‘Korrelation von Verwandlungen und Schemata’) und 4 (‘Die Einheit im noch zu Erlebenden aus der Vergangenheit heraus’) Benjamins Überlegungen zu Paul Klees berühmt gewordener Strichzeichnung Angelus Novus aus dem Jahr 1920 als einen groben Taschenspielertrick. In einer – von Polemik nicht immer ganz befreiten – Abarbeitung an dem Konzept des ‘Historischen Materialismus’ kommt Likursi zu einer vernichtenden Analyse des sogenannten ‘Engels der Geschichte’.

Likursi enttarnt die Zeichnung Klees in einer chiastischen Parallel-Analyse als “alberne Kritzelei” und die obskuren metaphysischen Ausführungen Benjamins als “den vielleicht größten und folgenreichsten Schwindel in der Geschichte des Denkens”.

Anders als ein Sinnen über Geschichte, das aus einer stark psychologisierenden Komponente heraus zu argumentieren sucht, schlägt Likursi in einem siebten und letzten Kapitel (‘Der Haufen’) ein neues Modell der Kontemplation vor. Geschichte ist weder Zeitstrahl (fehlende Bifurkation in der Beschreibbarkeit von Ort und Zeit) noch Summe subjektiver Kollektivwahrnehmung innerhalb eines bestimmt-kontingenten Diskurses. Geschichte muss – will sie objektiv Beschreibungen über Vergangenes anstellen – zunächst den Haufen des Gewesenen vor der Versuchsanalyse auftürmen und gewissermaßen physisch und zielgerichtet darin wühlen. Wie Likursi dies argumentativ anachronistisch und den Kreis schließend in einem sich über 600 Seiten erstreckenden letzten Kapitel gelingt, darf als eine der Sternstunden der zeitgenössischen Wissenschaft verstanden werden und lohnt auch heute noch die fesselnde und wegweisende Lektüre.

Mit einem Nachwort zur Entstehung dieser Edition von Max Schemmler jr.

Erstausgabe 1968 | Neuauflage im Erscheinen 2030.

Titelbild nach einer Vorlage von Nils Geylen, 2006.